Schreiben im mehrsprachigen Südtirol

Spannung und Ruhe – sind nicht das die Antriebskräfte, die den Menschen aller Epochen dazu bewegen, dass er aus seinen Gedanken, Gefühlen und Regungen etwas schafft? Südtirol ist das Land der Spannungen und der Ruhe. Doch liegt die Gegensätzlichkeit nicht allein im Verhältnis zwischen den Menschen und ihrer Sprache, sondern in erster Linie in der Natur selbst, in der Natur der Dinge selbst. Denn was haben die wilden Geröllhalden, bevölkert von dahinhuschenden Murmeltieren, am Fuße einer schroffen Dolomitwand mit den satten, grünen und duftenden Talebenen gemeinsam? Nichts, oder vielleicht alles.

Was treibt die Hand des Bauern an, wenn er sich beinahe mit den Zähnen an den kahlen Hang klammert und dort stundenlang die Sichel schwingt? Und was veranlasst den gedankenlosen Touristen dazu, sich ziellos unter der Sonne im Mai treiben zu lassen, sich über ein schmuckes Geländer zu beugen und den Fluss zu beobachten? Das alles sind Momente, die verschieden und dann auch wieder identisch sind. Warum sagen Männer und Frauen „pane“ statt „Brot“ oder „amore“ statt „Liebe“? Ist es nicht eher so, dass „pane“ wie „Brot“ und „amore“ wie „Liebe“ vom selben Gefühl des Hungers und vom selben Gefühl der Leidenschaft stammen?

Gerade dieser offenkundige Gegensatz, Crux und Heil dieses Landes (aber ist das nicht immerzu aneinander gekoppelt?), führt einen dazu, dass man den Füller in die Hand nimmt und dem Unsichtbaren eine Stimme geben will.

Der Zauber eines Ortes wie Meran schlug auch in der Vergangenheit schon viele in seinen Bann; hier nämlich atmet man den herben Geruch der Auen, die ineinander übergehen, und die berauschenden Düfte eines ewigen Frühlings, der selbst dort, wo der Tod noch die Kühnheit besessen hatte, Siegeslieder zu singen, nun einen zarten Zweig sprießen lässt.

Die Stadt selbst, uralt, mit ihren Laubengängen und Herrensitzen und doch geschmackvoll in den neuen Villen und Burgen, fügt Vergangenheit und Gegenwart in eine gesellige Gemeinsamkeit. Weiß und doch schon grün durchädert von den Parken und Anlagen, klettert sie langsam in die Wiesen und Weinreben hinein, die selbst wieder aufsteigend hinschwinden in den dunklen Wald. Dieser wieder verliert sich klimmend in den Fels, dessen Grau mählich mit dem kühnen Weiß des Fernenschnees sich überstäubt, und diese höchste zackige Linie wiederum zeichnet sich rein ins unendliche Blau. So klar und rein entfaltet sich hier der Fächer der Farben, nichts befeindet sich, alle Gegensätze sind harmonisch gelöst. Norden und Süden, Stadt und Landschaft, Deutschland und Italien, alle diese scharfen Kontraste gleiten sanft ineinander, selbst die feindlichste scheint hier gesellig und vertraut. Nirgends ist eine brüske Bewegung in der Landschaft, nirgends eine zerrissene abgesprengte Linie: wie mit runder, ruhiger Schrift hat die Natur hier  mit bunten Lettern das Wort FRIEDEN in die Welt geschrieben. 
(Zweig, Stefan: Herbstwinter in Meran. In: Fahrten, Landschaften und Städte. Wien, 1919, S. 104 – 111)

Das sind Worte, die bald ein Jahrhundert alt sind. Stefan Zweig, damals noch unbekannt, schreib sie in den ersten Monaten im Jahr 1908 nach einem  kurzen Aufenthalt in der „Welt von gestern“ in den Weinhängen von Schloss Labers. Zweig sah oder glaubte „scharfe Kontraste“ zu erkennen, die „sanft ineinander gleiten“. Wie andere vor und nach ihm ergriffen ihn die Schönheit und ausgeglichene Harmonie der Gegensätze.

Sollte er sich etwa getäuscht  haben? Dachte er denn nicht an die lumpigen Maurer, die an den Baustellen der großen Gasthöfe in zermürbenden Turnusschichten eingesetzt und dann unter die Brücke gejagt wurden, um sich dort den Maisbrei zu kochen und die Idylle jener Gesellschaft nicht zu stören, die auf der Promenade spazierte? Nahm er denn 1908 die Vorahnung des Krieges oder die stumpfsinnigen Parolen des Nationalismus gar nicht wahr? Das, was der Schriftsteller in sein Tagebuch geschrieben hatte, war ein schwerwiegendes Wort, fehl am Platz, unangemessen und überzogen: „Frieden“. Vielleicht hatte er Recht. Vielleicht verstand er es auf diese Weise, einen Sinn inmitten aller Gegensätzlichkeit, aller Gefechte, aller unheilvollen Unversöhnlichkeit der Dinge zu setzen.

Schreiben in Südtirol wie an allen Orten der Welt, an denen die Gegensätzlichkeiten herrschen, bedeutet nicht allein „beschreiben“. Hier kann man sich mit dem, was die Aussicht erfreut und erregt – und das ist sehr vieles -, nicht zufrieden geben. Die sichtbare Welt, sowohl die hässliche wie auch die schöne, verliert jeglichen Inhalt, wenn das verschwindet oder verbleicht, was wir – vorsichtig, zaghaft – „Seele“ nennen.

So erging es Mitte der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Luigi Bartolini, dem Schriftsteller, Dichter und Maler, der vom faschistischen Regime für einige Jahre in die Passerstadt verbannt wurde. Für Bartolini hatte die Seele Merans nur ein Gesicht und einen Namen, nämlich jenen von Anna. Kaum war sie, seine Muse, gegangen, blieb dem Künstler nichts anderes als für immer die Stadt zu verlassen.

Von jenem Ort aufzubrechen, an dem ich nichts anderes als Anna sah, blieb die einzige Lösung. Ohne sie fiel alles wie im Theater an den Rand der Darstellung: Das Wasser der Passer, das sich im Januar frei löst und unter dem Eis weiterrinnt; der Specht, der seine Bögen über den Fluss zieht und über die Eichenwälder an dessen Seiten dahin fliegt; der Bauer, der die Apfelbäume schneidet, und so viele andere schöne Dinge, die ich mit Anna erlebt hatte – nun sah ich sie alle, als ob sie bloß das Skelett ihrer selbst wären. So ganz und gar ohne Gefühl der Liebe konnte ich gar nichts mehr für sie empfinden; nicht nur das – mir wurde klar, dass alles zerstört wurde, was ich auf den Spaziergängen an Ufern, in Wäldern und Gemüsefeldern mit Anna erfahren hatte. 
(Luigi Bartolini: Vita di Anna Stickler. Cava de` Tirreni 2002 (neue Auflage). S. 146 – 147)

Die Stadt Meran war ja noch da, schön wie früher, aber sie hatte verloren, was den Dingen die Fähigkeit verlieh, die Sinne zu öffnen und die Gedanken anzuregen: Die Seele. Denn Schönheit allein genügt sich selbst nicht.

Wäre Bartolini noch für einige Monate geblieben, dann hätte ihn das schwache und allmählich heftiger werdende Zischen der Seele, die den Körper verlässt, vielleicht noch berührt. Auf dem Weg der herbstlich glänzenden Bahnhofstation wäre er vielleicht Hunderten von „fremden“ Juden begegnet, die ihr Hab und Gut eilig verpackt hatten und aufgrund oberster Befehle die Stadt verließen. Solcher Aufbruch war für sie wahrlich nicht „die beste Lösung“. Oder vielleicht eben doch, nachdem die wenigen Verbliebenen kurze Zeit später von Haus zu Haus von eifrigen Gendarmen zusammen gescharrt und in einem Keller geschlagen wurden, nachdem sie bald darauf in zwei Autos gedrängt wurden, um eine Reise ohne Wiederkehr anzutreten.

Wäre er noch ein Jahr geblieben, hätte Bartolini im Zug gegenüber vielleicht einen kleinen Jungen von vier Jahren, den kleinen Joseph Zoderer getroffen. Er hätte ihn sicherlich bemerkt, wie er in den zu kurzen Hosen und den Wollsocken dagestanden hätte. Das war eine kalte Nacht im Januar. Und heute noch fragt sich Zoderer, warum sie „gegangen waren“ (J. Zoderer: Ce n’andammo – Wir gingen. Bozen, 2004).

Ich wurde in Meran geboren, bei Kerzenschein Anfang November 1966. Genau an jenen Tagen marschierte 48 Jahre früher die Vorhut der königlichen Truppen in Meran ein. Sie zog an erschöpften und erniedrigten Menschen vorbei und verteilte Nudeln an die hungrige Meraner Bevölkerung. Und ein halbes Jahrhundert später zerstörten Bomben die Träume der italienischen Südtiroler, während die politischen Führungskräfte mit wechselseitigem Misstrauen daran arbeiteten, das Autonomiestatut neu zu formulieren.

Ich bin bei Kerzenlicht geboren, weil es Anfang November 1966 auch in Meran, wenn auch in bedeutend geringerem Ausmaß, einige jener damaligen großen Regengüsse gab. Alle erinnern sich noch an das überschwemmte Florenz und seine Kunstschätze, die ernsthaft gefährdet waren. Aber auch Meran wurde vom Wasser heimgesucht, und im Krankenhaus wurde die Stromleitung unterbrochen.

Gerade in jener Klinik in Martinsbrunn starb 26 Jahre später meine Großmutter. Sie wurde 1905 bei Sarajevo geboren, wo ihre Familie den Sommer und den Herbst verbrachte, um die Wälder zu holzen. Meine Großmutter  stammte aus einem Dorf in der Hochebene im Veneto, wo die Häuser aus Stein und die Dächer aus Stroh gebaut wurden. 1916 wurde es im wütenden Toben der italienischen und österreichischen Artillerie dem Erdboden gleich gemacht. Die Menschen dort hatten teilweise noch zimbrisch gesprochen, eine alte deutsche Sprache, die von weiter Vergangenheit herstammt.

Mein Großvater war mit seinem Sägewerk Anfang der 30er Jahre nach Meran umgesiedelt. Warum das Geschäft dann schlecht lief, weiß ich nicht. Es gelang ihm schließlich, in einer Fabrik für Kunstdünger angestellt zu werden. Wenige Monate später starb er an Lungenentzündung. Mein Vater, einziger Junge von fünf  Geschwistern, war gerade sieben Jahre alt. Er wurde wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung geboren. In dieser Zeit brachen in Meran Dutzende von jüdischen Familien auf Heimatsuche auf: Sie sprachen deutsch, italienisch, polnisch, tschechisch, slowenisch, ungarisch, rumänisch, litauisch, lettisch, türkisch, schwedisch, holländisch, französisch und spanisch. Eine kleine russische Gemeinde feierte in der Kirche von St. Nikolaus Thaumaturgus in Obermais orthodoxe Riten, während die englischen Stammgäste ihren Gottesdienst im kleinen anglikanischen Tempel abhielten.

Das war zu der Zeit, als den deutschen Südtirolern der Gebrauch ihrer Muttersprache in den Schulen, Ämtern und im öffentlichen Leben untersagt war.

Mein zweiter Großvater kam mit seiner Familie 1939 nach Meran und stammte aus einem Tal im Trentino, dem ehemaligen Welschtirol. Er hatte im Ersten Weltkrieg auf der Seite des österreichischen Kaiserheeres gekämpft. Vor dem großen Krieg stand er an dessen Spitze und war seinem Reich und Kaiser Franz Josef treu ergeben. Seinen Rang behielt er auch nach dem Krieg  noch. Später, nach dem Marsch auf Rom, ließ er einmal einen Satz fallen, der den Schwarzhemden überhaupt nicht gefiel: „Unter Österreich war alles besser.“ Für einige Monate wurde ihm ein Zwangswohnort in Sardinien zugewiesen.

Als er sich mit Sack und Pack in Südtirol niederließ, hatten Hitler und Mussolini seit Kurzem den eisernen Pakt geschlossen, Österreich war von der politischen Landkarte verschwunden, die Juden von Meran waren auf einem weiteren ihrer unendlichen Wanderzüge und der kleine Zoderer wartete in kurzen Hosen und Wollsocken frierend am Bahnhof, während sich sein Vater möglicherweise zuinnerst fragte, welcher Teufel ihn da wohl reite.

Mit all dem will ich bloß sagen, dass die italienischen und die deutschen Südtiroler nichts anderes sind, als ein bunter Haufen unterschiedlichster Geschichten, Unterschiede, die nicht verneint und auch nicht verschärft werden sollen, sondern vielmehr gesammelt und zusammen getragen. Daraus den Begriff einer eindeutigen Identität filtern zu wollen, wäre ein Gewaltakt oder eine pure Erfindung. Südtirol und Meran können kein Zwischendrin, keine Graubereiche darbieten. Die Politik und selbst Teile der Kultur wollen immerzu vereinfachen, wollen eine komplexe und vielfältige Realität auf wenige Elemente reduzieren, legen Grenzen, entwerfen Identitäten und ideelle Gitter, hinter die sie die sogenannten „Unseren“ und die „Anderen“ zwängen. Sie bemächtigen sich der Unterschiede, indem sie sie nivellieren zu falschen homologen, gemeinsamen Linien. Sie überspringen die schmerzhafte Gegensätzlichkeit und fürchten gleichsam eine buntgemischte Realität. Sie stellen Symbole und Fahnen auf, errichten Mauern und machen sich selbst zur Mauer.

Claudio Magris behält Recht mit seiner schonungslosen Analyse:

Die Autoren Tirols haben das beneidenswerte Glück oder ein so kleinliches kulturpolitisches Establishment, dass dieses, indem es die unverdorbenen und ehrlichen Tugenden einer Heimat und deren Tradition stilisiert, unfreiwillig jeglicher Abweichung dieses Modells Bedeutung und Authentizität verleiht, selbst wenn sie noch so banal, aber immerhin befreiend ist. Angesichts einer konservativen, ja mittlerweile schon reaktionären öffentlichen Kultur in Südtirol ist es relativ einfach, ein Schriftsteller des Widerstands zu sein und sich das Ansehen tugendhafter, überheblicher Feindseligkeit der Gutgläubigen zu verschaffen. Literarische Haltungen, die in einem anderen kulturellen Kontext pubertär oder pathetisch wären, haben in Südtirol noch den Wert des Protestes.

All das zwingt selbst die, die wankelmütig nach einer kulturellen Identität suchen, zu einem tieferen Verständnis. Viele Antworten gibt die Geschichte selbst, sofern sie nicht wiederum gezähmt und eingeebnet ist; die große Geschichte, aber auch die vielen kleinen, unbedeutenden Geschichten unserer Väter und Großväter.

Gibt es wirklich eine Grenze? Und wo verläuft sie? Wer hat sie errichtet? Wer sind wir? Und was unterscheidet einen Menschen vom anderen? Was verbindet uns, allein die Sprache oder unzählige andere unmerkliche Dinge?

Wie auch immer – in Südtirol kann keiner seine eigene Zugehörigkeit zu einer oder mehreren sprachlichen Gruppen übergehen (aber ist es nicht überall auf der Welt so?). Zuallererst  gilt es, die Schlüssel aus dem Gefängnis der Identität zu finden. Oder jedoch sie aus den Angeln zu heben, ihre Fesseln zu zertrümmern. Claudio Magris schreibt dazu Folgendes:

Die Schriftsteller Südtirols sind besessen vom Thema der Grenze – von der Notwendigkeit und gleichsam Schwierigkeit sie zu überschreiten – und vom Thema der Identität; wobei sie diese durch Negation einer einheitlichen Vorstellung von Identität, die der kulturellen Macht des Landes gerecht wäre, zu definieren suchen. In der überzogenen, abgewetzten Rhetorik, die Autoren der Grenze, wie zum Beispiel auch die Triestiner, vielfach benutzen, nehmen auch sie gerne die Stellung der andern Seite ein, wo sie schmerzhaft, aber doch nicht ohne Selbstgefallen sich als Italiener inmitten der Deutschen und als Deutsche inmitten von Italienern fühlen, dabei sich gierig dem Gefühl hingeben, von den Hütern der Heimatkultur auch brutal attackiert zu werden, um mit nachdrücklicher Gewissheit sagen zu können, dass sie nicht zu sagen vermögen, welcher Welt sie sich zugehörig fühlten. 
(Claudio Magris: Microcosmi. Mailand, S. 223 – 224)

Ist also die Grenze bloß eine Entschuldigung oder existiert sie wirklich? Vermag die Literatur Brücken zu schlagen? Soll sie es gar tun? Sie stellt letztlich immer den Bereich dar, in dem sich das Unmögliche ermöglicht, sie ist das Instrument, das erlaubt, Konflikte und Gegensätze darzustellen und Schäden sowie einseitige Zweckmäßigkeiten auf unblutige Weise wieder gut zu machen. Sie ist letztlich der Ort, an welchem dem Wunsch Ausdruck verleihen werden kann, jene Grenzen zu überschreiten, die „nur“ in der Realität gezogen sind.

Schreiben heißt vor allem verstehen wollen: sich nicht zu begnügen mit falschen Antworten, vielmehr sich auf die Suche nach den unerzählten Geschichten jener Personen zu begeben, die es wirklich gegeben hat und die ohne Nachahmer geblieben sind; auf die Suche nach den versteckten Menschen, nach jenen, die angesichts der Verherrlichung der Sprache lieber stumm bleiben, ohne Sprache, ohne Worte und ohne Literatur; auf die Suche nach jenem Ort, an welchem die Natur „wie mit runder, ruhiger Schrift mit bunten Lettern das Wort FRIEDEN in die Welt geschrieben“ hat. Das ist vielleicht die Suche nach dem Wasser der Passer, das sich im Januar frei löst und unter dem Eis dahinrinnt, nach dem Specht, der seine Bögen über den Fluss zieht und über die Eichenwälder an dessen Seiten dahin fliegt, nach dem Bauern, der die Apfelbäume schneidet, und nach so vielen anderen kleinen Dingen, die uns nur dann schön erscheinen, wenn es uns gelingt, in ihnen eine Seele zu erahnen oder zumindest eine für sie zu erfinden.

Paolo Bill Valente

 (aus: B. Simonsen, Grenzräume. Eine literarische Landkarte Südtirols, Raetia 2005)