Geehrter Landeshauptmann

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich mich schon seit 25 Jahren mit der Ortsnamenfrage auseinandergesetzt. Und das nur, weil ich verstehe, dass die eine oder die andere Lösung für unser Land, für seine Zukunft, für seine Rolle in Europa gute bzw. ungute Folgen haben kann.

Es ist für mich nicht erst eine parteipolitische Frage, auch nicht vor allem eine Frage der Identität. Es handelt sich vielmehr darum, die geeigneten Wege zu finden, die uns helfen, verschiedene Kulturen, Sprachen, Volksgruppen usw. gut im selben Land zusammenleben zu lassen. Das gilt nicht nur für Südtirol, sondern für viele andere Länder in Europa und in der Welt, wo Kulturen, Religionen, Traditionen gegeneinander ausgespielt werden. Wie Sie wissen schauen viele von diesen mit Hoffnung an uns, um dann ihren eigenen Weg zum Frieden finden zu können.

Erlauben Sie mir einige kurze Bemerkungen zum Thema Ortsnamen.

1. Die Geschichte. Es ist mir wohl klar und bekannt, wie und durch wen viele italienische Namen vor ca. einem Jh. entstanden und eingeführt sind. Sie hatten seinerseits vor allem den Zweck zu zeigen, dass die „neue Provinz“ eine „rein italienische“ Provinz sei. Das alles im Rahmen der (erfolglosen) faschistischen Politik der Entnationalisierung, die auf dem damals (und heute noch) verbreiteten nationalistischen Denken beruhte.

Es ist uns aber auch klar, dass die sog. „Namen Tolomeis“ inzwischen die Namen der it. Sprachgruppe geworden sind, so wie ein Kind „böser Eltern“ zum Kind einer neuen Familie durch eine Adoption wird, ohne damit sein Gesicht, seinen Körper, seine Vergangenheit und sogar seinen Namen zu verlieren.

2. Die Methode. Die Autonomie dient heute vor allem dem friedlichen Zusammenleben, ohne das unser Land keine gute Entwicklung haben wird. Dazu zwei Prinzipien, die nicht nur für uns gelten:

– Eine Sprachgruppe (vor allem wenn mehrheitlich) soll nicht „in heiklen Fragen“ anstelle einer anderen Sprachgruppe (vor allem wenn minderheitlich) entscheiden. Konkret: Jede Sprachgruppen soll frei sein, über die eigenen Ortsnamen zu entscheiden und die Entscheidung soll von den anderen akzeptiert (und von den Institutionen durchgeführt) werden.

– Wo mehrere Sprachen/Kulturen zusammen leben soll die Regel des „Et-Et“, nicht die Praxis des „Aut-Aut“ gelten. Konkret in unserem Fall: alle Namen, die vorhanden sind, sollen einfach anerkannt und benutzt werden (ladinische Namen eingeschlossen).

3. Die Autonomie. Unsere Autonomie beruht auf „pacta“. Pariser Abkommen und Autonomiestatut bilden die international anerkannte Basis unserer Institutionen. Nur indem wir Wort und Geist dieser „pacta“ respektieren, können wir mit Zuversicht und Verantwortung in die Zukunft schauen. Vor allem in einer Zeit, in der das Friedensprojekt Europa den dankbaren Beitrag aller Menschen guten Willens dringend braucht.

Was unser Thema betrifft: Das Pariser Abkommen versteht die „zweisprachigen Ortsbezeichnungen“ als eine Maβnahme zugunsten der benachteiligten Minderheit (seinerseits die deutschsprachige) (Art. 1, P. b).

Das Autonomiestatut verpflichtet den lokalen Gesetzgeber zur „Zweisprachigkeit im Gebiet der Provinz Bozen“ (Art. 8). Das Statut hat als Regel das „Et-Et“ (sowohl, als auch) im Bereich der Toponomastik anerkannt: „In der Provinz Bozen müssen die öffentlichen Verwaltungen gegenüber den deutschsprachigen Bürgern auch die deutschen Ortsnamen verwenden, wenn ein Landesgesetz ihr Vorhandensein festgestellt und die Bezeichnung genehmigt hat“ (Art. 101).

Keinerorts ist die Rede von „streichen“. Das sind also Wort und Geist dieser wichtigen Dokumente. Ich würde deswegen ohne weiteres fürs Debeibleiben wählen.

Ich würde auch unterstreichen, dass kein Kompromiss zwischen Landes- und Staatsregierung mehr als Autonomiestatut und Gruber-Degasperi-Abkommen gelten kann. Sonst hätten wir ernsthaft um unsere Zukunft zu fürchten, v.a. in einer Weltsituation, wo Errungenschaften wie Europa, Toleranz und Demokratie gefährlicherweise in Frage gestellt werden.

4. Der gemeinsame Weg (Synode). Ich erlaube mir an dieser Stelle auf die Beschlüsse unserer Diözesansynode zu verweisen (s. unten die vollständigen Texte), v.a. wo man sagt, man soll „die Einheit fördern und die Wunden der Vergangenheit heilen“, „das Zusammenleben sei nie selbstverständlich und müsse täglich neu errungen werden“, die Vielfalt „über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zu bezeugen“, „ein Vorbild eines respektvollen Zusammenlebens sein, das auf Engagement, Geduld und gegenseitigem Vertrauen beruht und auch anderswo möglich ist“, dass wir „miteinander auch eine weit über die Grenzen unserer Provinz hinausreichende Verantwortung für die eine, menschliche Gemeinschaft“ haben, „in den christlichen Gemeinden fühlen sich die Mitglieder einer Sprachgruppe auch für die Mitglieder anderer Sprachgruppen verantwortlich“.

5. Zurück in die Zukunft. Ich denke schlieβlich, dass die Ortsnamenfrage uns allen einen Schritt nach vorne machen lassen könnte, wenn wir in der Lage sind, unsere Mentalität zu verändern.

Die Zwei-Dreisprachige Ortsnamengebung stellt uns Fragen darüber, wie wir uns die Welt von morgen vorstellen. Es kann nicht als ein parteipolitisches Kampfthema des Augenblicks angesehen werden, wo der eine gegen den anderen siegt oder verliert (und verloren geht).

Ich denke auch, die it. Sprachgruppe in Südtirol ist heute politisch nicht in der Lage, eine (zukunfts)gerechte Antwort auf diese Frage allein zu „erzwingen“. Da muss die Mehrheit die Minderheit stark machen und nicht umgekehrt. D.h. die Vertreter der deutschen Sprachgruppe, und insbesondere die Svp, haben hier die Verantwortung, Halt zu machen, und unser Land zurück zum Statut zu führen. Es ist natürlich ein „Zurück in die Zukunft“.

I have a dream. Mein Traum wäre, dass man an einem Morgen aufwachen würde und nun nach vorne schauen würde u.z. mit diesem Gedanken: Wir leben im Jahre 2017. Wir haben in Südtirol alles errungen und noch mehr! Lassen wir, daβ unsere italienischspr. Mitbürger über „ihre“ Ortsnamen entscheiden, wie wir über „unsere“ auch selber entscheiden möchten. Dass sie selber über die eigene kulturelle Entwicklung entscheiden… Das ist, was wir in den vergangenen Jahrzenten für uns verlangt (und erreicht) haben.

Danke für das Zuhören

Paolo Valente, Meran (8.2.2017)

(Synode Bozen-Brixen)

49. Die Kirche hat die wichtige Aufgabe, die Einheit zu fördern und die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Wir schauen voller Hoffnung auf die Zukunft mit dem Wissen, dass das Zusammenleben nie selbstverständlich ist und täglich neu errungen werden muss. …

51. Indem die Kirche in ihrer Einheit für die Vielfalt offen ist, fördert sie das friedliche Zusammenleben der Völker. Die Kirche Südtirols ist dazu berufen, das über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zu bezeugen. Angesichts der immer wieder neu aufflammenden Kriege und der Separationsbestrebungen in aller Welt, können wir ein Vorbild eines respektvollen Zusammenlebens sein, das auf Engagement, Geduld und gegenseitigem Vertrauen beruht und auch anderswo möglich ist.

52. Die Zugehörigkeit zum selben Land und zur selben Gesellschaft erweitert unseren Horizont über die einzelnen Sprachgruppen und Kulturen hinaus. Miteinander haben wir auch eine weit über die Grenzen unserer Provinz hinausreichende Verantwortung für die eine, menschliche Gemeinschaft.

58. Für das Gemeinwohl sind alle verantwortlich. In den christlichen Gemeinden fühlen sich die Mitglieder einer Sprachgruppe auch für die Mitglieder anderer Sprachgruppen verantwortlich. …