QuiMedia – Luca Sticcotti, 8. Februar 2024
Nach mehr als 30 Jahren Arbeit in Südtirol – vom Journalismus bis hin zu sozialen Fragen innerhalb der Kirche, von der Belletristik bis zur historischen Forschung und Entwicklungszusammenarbeit – hat der in Meran geborene Paolo Valente im vergangenen September das Amt des stellvertretenden Direktors der Caritas Italiana in Rom übernommen.

Die Anfänge der Zusammenarbeit des Verfassers mit Paolo Valente gehen auf das Ende des letzten Jahrtausends zurück. Damals arbeiteten wir beide für die Medien der Diözese und erfüllten sozusagen eine Pionieraufgabe, die auf dem Zeugnis von Don Giorgio Cristofolini, dem „Priester im Bergwerk“ und Gründer der diözesanen Wochenzeitung Il Segno, beruhte. Seit dieser Erfahrung hat sich Paolo Valente in vielen Bereichen engagiert, wobei er immer ein wachsames Auge auf das Thema hatte, das ihm am meisten am Herzen lag, nämlich die Förderung eines echten, nicht stereotypen Zusammenlebens in unserem Land; ein Zusammenleben das vor allem frei von der Heuchelei ist, die oft auf nicht allzu versteckte Weise in den drei Hauptbereichen lauert, in denen er sich bewegte, nämlich in der Kirche, der Politik und dem Journalismus. Die letzte Etappe der Reise von Paolo Valente in Südtirol – eine mission impossible, könnte man im Nachhinein sagen – war die Aufgabe, die Caritas der Diözese Bozen-Brixen in ihrem ursprünglichen Geist wiederherzustellen, (auch) durch die Zusammensetzung der beiden Sektionen, die italienische und die deutsche. Aus dieser scheinbar erfolglosen Erfahrung hat sich seither ein neues und weitaus wichtiges Engagement entwickelt, das nur zum Teil unerwartet kam.
DAS INTERVIEW
Lasst uns zunächst einmal aufzeigen, worum es bei Caritas Italiana geht. Was ist ihre Aufgabe?
Die nationale Caritas unterstützt die fast 220 Diözesan-Caritas in ihrer grundlegenden Aufgabe, die darin besteht, die Menschen und die Gemeinschaft zu animieren, ihre Verantwortung wahrzunehmen, insbesondere gegenüber denjenigen, die sich in einer Situation der Armut und Verletzlichkeit befinden.
Wie ist die Caritas Italiana auf dem nationalen Gebiet organisiert?
Die Dienste der Caritas Italiana befinden sich in Rom. Das von ihr koordinierte Netzwerk deckt das gesamte nationale Gebiet ab und ist in 16 regionale Delegationen und fast 220 Diözesan-Caritas aufgeteilt. Die nationale Organisation ist ihrerseits Teil von Caritas Europa und Caritas Internationalis, dem weltweiten Verband, der direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt ist.
Ist die Caritas in anderen europäischen Ländern anders organisiert und hat sie dort einen anderen Auftrag?
Es gibt natürlich kulturelle Unterschiede. In einigen Ländern ist die Caritas stärker strukturiert und somit stärker operativ ausgerichtet, in anderen tendiert sie eher dazu, eine Kultur der Solidarität zu entwickeln und Rechte aufzeigen durch „Advocacy“ (d.h. Fürsprache, Unterstützung und Förderung), Ausbildung und Information. Überall hat sie (die Caritas) die Aufgabe, das gemeinschaftliche Engagement zu fördern, ohne die Gemeinschaft zu ersetzen. Nächstenliebe (das bedeutet „caritas“) ist wie die Luft: Sie kann nicht an andere delegiert werden.

Warum wurdest Du in der ersten Phase dazu berufen, die Kommunikation bei Caritas Italiana zu entwickeln?
Seit zwei Jahren befindet sich Caritas Italiana in einem Prozess der Reorganisation. Bei einer solchen Organisationsentwicklung ist die Kommunikation ein zentrales Thema, insbesondere wenn man in einem sehr großen Netzwerk arbeitet. Eine gute und wirksame Kommunikation ist ein strategisches Element (vor allem, weil Caritas in erster Linie an sich eine Botschaft repräsentiert), und in der Tat unterstützt unsere tägliche Arbeit die neue Struktur, sowohl im Zentrum als auch am nationalen Gebiet.
Jedes Jahr gerät Caritas Italiana mit ihrem Bericht über Armut und soziale Ausgrenzung in Italien für einige Tage in die Schlagzeilen. Wie ist die aktuelle Situation in unserem Land?
In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der absolut Armen (in Italien) verdreifacht. Dies ist auf die globalen Krisen (Finanz-, Gesundheits- und Kriegskrisen), aber auch auf die Schwächen der Politik zur Armutsbekämpfung zurückzuführen. Menschen, die nicht über ein etabliertes soziales Netzwerk verfügen, sind zunehmend stärker von Armut bedroht.
Für viele Jahre warst Du in der Provinz Bozen tätig, wo Du dich mit Journalismus, sozialen Fragen im kirchlichen Bereich und Belletristik beschäftigt hast. Gleichzeitig konntest Du aber auch einen Blick auf die internationalen Themen werfen, indem Du stark in der Entwicklungszusammenarbeit tätig warst. Was hat dieser Transfer nach Rom für Dich bedeutet? Wie hast Du diesen Übergang zwischen der Grenzprovinz des hohen Nordens und der italienischen Hauptstadt und dem Zentrum der katholischen Kirche erlebt und gelebt?
Die Dynamik Zentrum-Peripherie zeigt uns, dass man Provinzialismus sowohl an der Grenze als auch in der Hauptstadt finden kann. Jede Realität ist Zentrum und Grenze, wenn die Perspektive der Mensch in seiner Gesamtheit liegt. Rom ist eine außergewöhnliche und lustige Stadt. Sie ist sowohl Zentrum als auch Peripherie, mit den Vorzügen und Mängeln des einen wie des anderen.
Deine Zeit zuerst als Direktor der italienischen Sektion und dann der gesamten Caritas-Diözese Bozen-Brixen endete eher abrupt. Aber es scheint, dass Deine Erfahrung und Deine beruflichen Qualitäten von der nationalen Caritas als mehr als wertvoll erachtet wurden, da Du zunächst gebeten wurdest, die Entwicklung des Kommunikationsbereiches der Zentrale zu leiten und zu betreuen und dann auch noch eine Führungsrolle in engem Kontakt mit dem Direktor Don Marco Pagniello und dem Präsidenten Carlo Roberto Maria Redaelli, Erzbischof von Görz, zu übernehmen. War dies eine Überraschung für Dich oder eine Bestätigung der Entwicklungslinien, die Du für Dein Engagement bei der Caritas in der Diözese Bozen-Brixen geplant hattest?
Was zu diesem stürmischen Abschluss führte, ist ein Machtsystem, das es nicht duldet, dass eine freie Person in Südtirol eine Organisation von einem gewissen Gewicht und Wichtigkeit leitet. Eine italienischsprachige Person, die auf Landesebene eine andere Rolle als die des „Stellvertreters“ innehat, ist eine anomale, unvorhergesehene Tatsache Situation. Das System duldet selbst nicht einmal eine Organisation, die sich in einem wirklich sprachübergreifenden Sinne entwickelt. Es sprengt das behütete Modell. Nachdem jedoch genau ein solches System immer stärker sichtbar und fuktional wurde, wurde das Instrument der Diffamierung, der Manipulation und des unzulässigen Drucks genutzt. Man sagt, dass diejenigen, die uns nicht manipulieren können, versuchen, andere gegen uns zu manipulieren. Zugegeben, ich bin nicht fehlerlos, aber die irrationale Gewalt der Angriffe und mein anschließender Ruf nach Rom beweisen nur, dass das Projekt gut (aber sehr unbequem) war.
Du schreibst seit mehreren Jahren die Kolumne „Ohne Grenzen“ in unseren Zeitungen, in der Du oft über die zentralen Fragen des aktuellen Geschehens in Südtirol nachdenkst. Was sind Deiner Meinung nach die wichtigsten alten und neuen Herausforderungen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, wenn man Deine jüngsten Erfahrungen berücksichtigt? Die Provinz Bozen wird oft als ein Beispiel für Wohlstand und gute Organisation dargestellt. Aber – wie Du selbst erfahren hast – ist nicht alles Gold, was glänzt…
Ich habe den Eindruck, dass wir uns im Zeitalter des kurzsichtigen Opportunismus befinden. Nach dem ethnischen Idealismus der Magnago-Ära, nach dem post-ethnischen Pragmatismus der Durnwalder-Jahre hatte die Ära Kompatscher mit der Idee „über den Tellerrand hinaus“ zu blühen begonnen. Aber vielleicht war es da schon zu spät. Die Autonomie hatte sich bereits in ein System der Macht verwandelt. Das Zusammenleben wurde, wie Piero Agostini sagen würde, auf einen späteren Zeitpunkt „verschoben“. Ich wünsche unserem Land die Fähigkeit, sein Dasein an der Grenze aufzuwerten, verstanden als jenen Ort, an dem man jeden Tag dazulernt, weit nach vorne zu schauen. Es ist machbar.
Man sah keine Bären und keine Wölfe an der Grenze. Man sah nur den Untergang der Welt. – Joseph Roth
(Übersetzung aus QuiMedia, 8.2.2024)