„Haben wir die Armen immer bei uns?“

Caritas – 7.2021

In seiner Botschaft zum Welttag der Armen („Die Armen habt ihr immer bei euch“, Mk 14,7) unterstreicht Papst Franziskus eine offene Frage: „Wie kann man den Millionen Armen eine konkrete Antwort geben, denen häufig nur Gleichgültigkeit, wenn nicht sogar Verdruss entgegenschlägt? Welcher Weg der Gerechtigkeit ist einzuschlagen, damit die sozialen Ungleichheiten überwunden werden können, und den Armen die so oft mit Füßen getretene Menschenwürde zurückgegeben werden kann? Ein individualistischer Lebensstil ist mitschuld an der Entstehung von Armut und schiebt den Armen oft die gesamte Verantwortung für ihre Situation zu. Aber Armut ist nicht das Ergebnis des Schicksals, sie ist die Folge von Egoismus. Daher ist es entscheidend, Entwicklungsprozesse anzustoßen, bei denen die Fähigkeiten aller genutzt und geschätzt werden, damit die unterschiedlichen Kompetenzen und die verschiedenen Rollen zu einer gemeinsamen Ressource der Teilnahme führen. Es gibt viele Formen der Armut bei den „Reichen“, die durch den Reichtum der „Armen“ geheilt werden könnten, wenn sie nur einander begegnen und sich kennenlernen würden! Niemand ist so arm, dass er nicht wechselseitig etwas von sich selbst geben könnte. Die Armen dürfen nicht nur Empfangende sein; sie müssen in die Lage versetzt werden, geben zu können, denn sie wissen sehr gut, wie man dem entspricht. Wie viele Beispiele des Teilens haben wir vor Augen! Die Armen lehren uns häufig Solidarität und das Teilen. Es ist wahr, es sind Menschen, denen etwas fehlt, häufig fehlt ihnen viel und sogar das Notwendige, aber es fehlt ihnen nicht alles, denn ihnen bleibt die Würde der Gotteskinder, die ihnen nichts und niemand nehmen kann“.

Die Pandemie hat die Armut in unserer Gesellschaft aufgezeigt und die Armut in uns allen offengelegt. Wir haben entdeckt, dass auch wir schwach, verletzlich und unfähig sind, selbst Antworten zu finden. Wir haben unsere Grenzen deutlicher gesehen und mussten unsere Lebensweise in Frage stellen. Dank der Armen und der Armut haben wir besser verstanden, was unser Reichtum ist.

Unser Reichtum sind vor allem die Menschen, die uns umgeben. Es sind die guten Beziehungen, die wir aufbauen können und die wir annehmen. Wir sind reich, wenn wir uns als Teil einer offenen und inklusiven Gemeinschaft fühlen, in der die Menschen füreinander da sind. Wir haben gelernt, dass es nicht so sehr darum geht, Dienstleistungen zu erbringen – was auch wichtig ist –, sondern vielmehr darum, eine Sorgekultur zu entwickeln. Viele Menschen hätten die Pandemie nicht überlebt, wenn die Solidarität um sie herum nicht aufgeblüht wäre.

Selbst christliche Gemeinschaften fanden sich dort als substanzlos, wo sie alles in schöne Liturgien und ausgefeilte Katechese investiert, aber die Nächstenliebe vergessen haben. Während die Kirchen in den Monaten der Corona-Krise geschlossen und nach ihrer Wiedereröffnung halbleer waren, blieben Nächstenliebe und Solidarität weiterhin vorhanden und trugen Früchte. Nächstenliebe war somit Feier der Menschenwürde und Verkündigung der guten Nachricht.

„Wir müssen offen sein, die Zeichen der Zeit zu deuten, die Ausdruck sind für neue Möglichkeiten, wie man die Welt von heute evangelisieren kann. Die unmittelbare Hilfe für die Nöte der Armen darf kein Hindernis sein für einen Weitblick, um neue Zeichen der Liebe und christlicher Caritas zu verwirklichen, als Antwort auf die neuen Formen der Armut, die die Menschheit heute erlebt“, schreibt Papst Franziskus.

Lascia un commento