Ist Freiwilligenarbeit ein alter Hut?

Caritas – 11.2020

Wenn die Freiwilligenarbeit nur eine von vielen Möglichkeiten ist, die eigene Freizeit zu verbringen, dann könnte sie tatsächlich ein alter Hut werden. Es wäre nur ein weiterer, in Milde verpackter Ausdruck jenes Individualismus, der unsere Art zu denken und zu handeln kennzeichnet. Denn dabei stehen wir selbst im Mittelpunkt, nicht der andere. Wir tun es zu unserer eigenen persönlichen Befriedigung, nicht zum Wohle des anderen. Freiwilligenarbeit, die so gelebt wird, ist steril. Sie bewirkt keine positive Veränderung für die Gesellschaft, die uns umgibt, oder die beteiligten Menschen.

Freiwilligenarbeit wird fruchtbar, wenn sie ein authentisches „Dienen“ ist. Dies schreibt Papst Franziskus in seiner jüngsten Enzyklika über die Brüderlichkeit: „In dieser Zeit, in der alles zu verwässern und sich aufzulösen scheint, ist es gut, an die Solidarität zu appellieren, die sich daraus ergibt, dass wir uns für die Schwäche anderer verantwortlich fühlen und versuchen, eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln. Die Solidarität drückt sich konkret darin aus, wie wir uns um andere kümmern. Und dieser Dienst kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Dienst bedeutet zum großen Teil, Schwäche und Gebrechlichkeit zu beschützen. Dienen bedeutet, für die Schwachen in unseren Familien, in unserer Gesellschaft, in unserem Volk zu sorgen. Bei dieser Aufgabe ist jeder in der Lage, „mit konkretem Blick auf die Schwächsten sein Suchen, sein Streben und seine Sehnsucht nach Allmacht auszublenden. […] Der Dienst schaut immer auf das Gesicht des Mitmenschen, berührt seinen Leib, spürt seine Nähe und in manchen Fällen sogar das ‚Kranke‘ und sucht, ihn zu fördern.“ (Papst Franziskus, „Fratelli tutti“, N. 115).

Die Zeit, die wir seit einigen Monaten erleben, die so genannte Gesundheitskrise, hat uns in direkten Kontakt mit unseren Schwächen und unserer Zerbrechlichkeit gebracht. Manche haben sich in sich selbst verschlossen oder haben Angst. Es ist eine Art Stillstand, in der man auf bessere Zeiten wartet. Einige mussten wirklich stehen bleiben, weil sie zu einer Risikogruppe gehörten. Aber andere konnten – während des Lockdowns – die Wirklichkeit mit offenen Augen betrachten und waren dann besser in der Lage, Menschen in Not zu sehen. Und sie haben entdeckt, dass jeder eine Verantwortung für die anderen hat und etwas, ja viel zu geben hat.

Eine besonders gelungene Aktion war z.B. der „Einkaufsdienst“ unserer youngCaritas, bei dem viele Jugendliche bereit waren, für die Menschen einzukaufen, die wegen des Virus das Haus nicht verlassen durften. Bei dieser Gelegenheit wurde nicht nur für den anderen etwas erledigt, sondern man ist auch ins Gespräch miteinander gekommen – die Generationen untereinander, aber auch die verschiedenen Organisationen miteinander. Das heurige pastorale Thema der Diözese Bozen-Brixen „Innehalten | Prendersi il tempo per…“ ruft uns ebenfalls dazu auf, die Freiwilligenarbeit so zu leben wie in der Geschichte von Martha und Maria: durch das Zuhören und das Dienen.

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