Brauchen wir Helden?

Caritas – 7.2019

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, sagt Galileo Galilei seinem Sohn Andrea im berühmten Schauspiel von Bertolt Brecht. Haben wir Helden nötig? Das heißt Menschen, die außergewöhnlicher Natur sind oder sich als Halbgötter zeigen? Brauchen wir starke Männer für unsere Politik? Ist ein Superman nötig, um unsere Probleme zu lösen und um das Gute endlich triumphieren zu lassen?

Ich denke, unsere Politik braucht einfach Frauen und Männer, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, d.h. für das Wohl aller und eines Jeden. Heldentum ist nicht gefragt. Es genügt, anständige Menschen zu sein. Was wir brauchen sind Menschen, die für Menschen da sind. Menschen, die den eigenen Beruf als einen Dienst am Menschen verstehen und die an einer positiven Entwicklung der ganzen Gesellschaft mehr interessiert sind, als an den eigenen persönlichen und familiären Vorteilen.

Einmal sagte Papst Paul VI. folgendes: „Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind“.

Zeugen sind Menschen, die an das Gute und an die Liebe glauben und einfach nach diesem Glauben leben. Menschen, die uns diese Worte des Apostels Paulus vorleben: „Hätte ich die Liebe nicht, wäre ich nichts“.

Weil wir aber doch lieber auf Zeugen als auf Gelehrte hören, gebe ich einem Zeugen das Wort, der uns gerade zum Thema „Zeugnis geben“ klare Worte gesagt (und sie vor allem auch gelebt) hat.

„Um uns ist Dunkel. Das Dunkel des Unglaubens, der Gleichgültigkeit, der Verachtung, vielleicht der Verfolgung. Dabei sollen wir Zeugnis geben und durch das Licht Christi dies Dunkel überwinden, trotz aller Angriffe, bei allem Ungehört- und Unbeachtetsein. Zeugnis geben ist heute unsere einzige, schlagkräftigste Waffe. Seltsam genug. Nicht Schwert, nicht Gewalt, nicht Geld, nicht einmal der Einfluss geistigen Könnens, geistiger Macht, nichts von all dem ist uns als unerlässlich geboten, um die Herrschaft Christi auf Erden aufzurichten. Etwas ganz Bescheidenes und doch viel Wichtigeres hat uns der Herr geboten: Zeugen zu sein. Zunächst gar nicht Zeugen des Wortes, auch nicht Zeugen der Tat. Es kann oft geraten sein zu schweigen; es kann oft die beste Handlung verdreht werden. Immer aber sollen und müssen wir Zeugen sein. Dieses schlichte, einfache sein. Das ist das größte Zeugnis!“

Diese Worte schrieb Josef Mayr-Nusser in der Zeitschrift „Jugendwacht“ am 15. Jänner 1938. Er selber, den wir heute „selig“ nennen, verstand sich nicht als Held. Er wurde von Papst Franziskus als Märtyrer erkannt, was nichts anderes als „Zeuge“ bedeutet.

Josef Mayr-Nusser war damals bewusst, dass „die Masse“ sich immer an solche klammert, „die durch besondere Leistung aus ihr hervorragen“. „Nach all dem Chaos der ersten Nachkriegsjahre auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet “, sagte er 1936 seinen Freunden der Katholischen Aktion ,„erleben wir heute, mit welcher Begeisterung, ja vielfach mit welch blindleidenschaftlicher und bedingungsloser Hingabe sich die Massen den Führern verschreiben. Was wir heute an Führerkult miterleben, ist oft geradezu Götzendienst“.

Ob diese Worte auch für unsere Zeit gelten, kann der Leser selber beurteilen. Brauchen wir starke Männer? Brauchen wir Helden? Glücklich das Land, das Helden nicht nötig hat, weil jeder und jede, im täglichen Leben, in den ganz normalen Beziehungen, im Beruf, im Dienst am Menschen seine Verantwortung übernommen hat, und so Zeuge der Solidarität und der Nächstenliebe als Schlüsselerlebnis des Menschen geworden ist.

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