Caritas – 11.2018
Vor der Landtagswahl hat die Caritas aufgerufen, „verantwortungsvoll Weichen zu stellen“. Haben Politik und Wahlen überhaupt mit Caritas zu tun? Und mit Kirche? Ja, ohne Zweifel. Nicht im Sinne einer Parteipolitik – die Zuständigkeit der politischen Gruppierungen ist – sondern im Sinne des Engagements für den Menschen und seiner ganzheitlichen Entwicklung.
Politik soll kein Kampf um mehr Macht und mehr Geld sein, sondern die Kunst, das Gemeinwohl zu erkennen und umzusetzen. Aus diesem Grund geht Politik jeden etwas an, der an das Gute glaubt und das Gemeinwohl verfolgt. Zu diesen gehören die christliche Gemeinschaft und die Caritas, die Ausdruck derselben ist.
Jeder Bürger ist aufgerufen, zur Beseitigung der Erschwernisse beizutragen, die „der vollen Entfaltung der menschlichen Person im Wege stehen“ (Artikel 3 der Verfassung). Jeder Christ ist aufgerufen, sich „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art“ (Gaudium et spes 1) eigen zu machen. Nicht nur der „unsrigen“, sondern aller Menschen.
Ob die aktuelle politische Situation in Südtirol diesen Gedanken entspricht, das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Ich habe den Eindruck, dass viele BürgerInnen eine gewisse Lust auf Partizipation hätten, aber nicht genau wissen, wie sie diese dann auch in bewusstes und zielführendes Wahlverhalten umsetzen sollen. Ist das vom Angebot bedingt? Oder müssen wir alle ein neues politisches Bewusstsein entwickeln, das uns hilft, unsere Verantwortung als BürgerInnen voll zu übernehmen?

Nach den Landtagswahlen bleiben viele Fragen offen. Das Ergebnis zeigt uns einerseits den Wunsch nach Neuem. Im Landtag sitzen Menschen, die ernsthaft und ehrlich am Gemeinwohl arbeiten möchten. „Das Wohl aller“, so sagteBischof Ivo vor einigen Wochen, „ braucht Aufmerksamkeit auf die Komplexität. Nicht wenige Menschen aber, auch Menschen in politischen und verantwortungsvollen Positionen, verwenden – ohne sich die Mühe des Nachdenkens zu machen – eine vereinfachende Sprache; so als ob sie reden und handeln würden, bevor sie nachdenken. Ganz nach dem Motto: Ein Slogan, wenn er auch noch so inhaltsleer ist, bewirkt mehr als Argumente.“
Beim Regieren dieses Landes in den nächsten fünf Jahren wird nun die „Aufmerksamkeit auf die Komplexität“ von Seiten der Regierenden ein Zeichen sein, dass sie es mit den Werten unserer Geschichte und unserer Autonomie ernst meinen. Es gibt keine einfachen Lösungen für komplexe Situationen. Eine politische Mehrheit im Sinne des Gemeinwohls ist eine herausfordernde Operation und nicht eine einfache Summe von Wahlzahlen.
Eine gemeinsame Sorge heißt für uns Europa. Die europäische Integration hat sich nach zwei Weltkriegen als „Friedensprojekt“ entwickelt. Heute sind die Nationalismen und die Kleinstaaterei wieder im Vormarsch, die zu den Konflikten geführt haben. Frieden auf globaler und lokaler Ebene ist eng mit der Entwicklung eines solidarischen Europas verbunden, das die Menschenrechte energisch verteidigt.
„Solidarität und Gerechtigkeit“, sagt uns Bischof Ivo, „sind die entscheidenden Maßstäbe einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Sozial- und Wirtschaftspolitik. Es scheint aber das Gefühl zu wachsen, dass wir uns die ‚Nächstenliebe für alle‘ nicht mehr leisten können. Es braucht mutige, am Gemeinwohl orientierte Antworten, die zusammenführen und nicht spalten. Der christliche Glaube schließt Haltungen wie die Abwertung oder Ausgrenzung anderer Menschen sowie Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit aus.“
Die Caritas hat den Auftrag, alle daran zu erinnern, dass Nächstenliebe entweder „für alle“ ist oder es ansonsten gar keine Nächstenliebe ist. Die Politik der Intoleranz und der Ausgrenzung ist und bleibt unmenschlich und unchristlich.