„Jemandem anvertraut“

Operation Daywork Journal – 12.2017

Um das Phänomen der Kinder, die als Vidomegon bezeichnet werden, seine Entwicklung und Konsequenzen zu verstehen, ist es notwendig sich in den sozialen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Kontext von Benin zu versetzen, einer kleinen Republik in Westafrika, die sich vom Golf von Guinea bis zum Sahel erstreckt.

Vor allem die Familie. Traditionsgemäß spricht man von erweiterter Familie. Sie schließt die Verwandten, engen und weitläufigen mit ein, nicht nur den Vater, Mutter und die Kinder. Das Dorf ist eine große Gemeinschaft, mit ihren alteingesessenen Regeln, und es besteht eine geteilte Verantwortung in der Kindererziehung. Es ist nichts Außergewöhnliches, dass ein Kind bei jemanden aufwächst, der nicht seine Mutter oder sein Vater ist.

Geschichtlich werden die Kinder in den ländlichen Gebieten als Reichtum, als Investition, auch in wirtschaftlicher Hinsicht gesehen. Es ist also kein Zufall, dass die Familien durchschnittlich größer sind, als in den urbanen industrialisierten Gebieten. Dies führt zu einer unterschiedlichen Ansicht hinsichtlich der Rechte der Kinder. In der derzeitigen Mentalität sind es nicht die Erwachsenen, die die Entwicklung der Kinder unterstützen, sondern die Kinder, die den Erwachsenen oder der familiären Gemeinschaft dienen.

Vidomegon bedeutet in der Sprache Fon „Kind, das jemandem anvertraut wurde“. Die Idee, die dem zugrunde liegt ist, dass die Familie aus dem Dorf ihr Kind einem wohlhabenden Verwandten anvertraut, der für die Ausbildung und den Schulbesuch des Kindes garantieren kann. Im Gegenzug hilft der Kleine im Haushalt mit, wie er es auch zu Hause machen würde. Traditionsgemäß handelt es sich dabei also um eine Form der Solidarität innerhalb der großen Familie und der Gemeinschaft.

Im Laufe von 1900 hat sich die beninische soziale Struktur verändert, vor allem im Sinne der Urbanisierung. Das Anvertrauen der Kinder ist von einer sozialen und gemeinschaftlichen Realität zu einer wirtschaftlichen Praxis verkommen, die zur Ausbeutung und zum Menschenhandel führt. Auch wenn die Form des ursprünglichen Anvertrauens nachempfunden wird, werden die Minderjährigen de facto in vielen Fällen wie kleine Sklaven in Benin und den umliegenden Ländern verkauft.

In den letzten Jahren hat Benin bilaterale Abkommen abgeschlossen und Vorschriften zum Schutz der Kinder erarbeitet. Die Regierung hat die PNPE (Politique National de Protection de l’Enfant – Nationale Politik zum Kinderschutz) verändert. Trotz dieser gesetzlichen Interventionen, bleiben die Minderjährigen Opfer zahlreicher Formen von Gewalt. Gemäß Regierungsdaten sind zirka ein Drittel der Kinder in Formen von degradierenden Arbeiten involviert. Besonders schlimm ist die Situation der Minderjährigen auf dem Markt von Cotonou: es handelt sich vor allem um Mädchen, mehr als die Hälfte (54%) unter 14 Jahren, die der Gefahr der, auch sexueller, Ausbeutung, ausgesetzt sind. Der Großteil der Kinder, die auf dem Märkten von Cotonou, Porto Novo und Parakou arbeiten (gemäß der offiziellen Daten fast 8.000), gehen nicht zur Schule.

Anvertrauen in Südtirol

Schwabenkinder: unter diesem Namen kennt man die Kinder (zwischen 7 und 14 Jahren), die sich, zumindest ab 1600, in den Dienst der Bauern in Schwaben gestellt haben. Kinder von Familien (aus Tirol, Vorarlberg und der Schweiz) die nicht in der Lage waren, sie zu erhalten, verließen im März ihre Eltern, überquerten zu Fuß die verschneiten Alpen, landeten auf dem Kindermarkt in Ravensburg und Friedrichshafen, wo sie aufgrund ihrer physischen Beschaffenheit ausgewählt wurden. Eine Praxis – die des „Verkaufs“ auf dem Platz – die eingestellt wurde, nachdem die internationalen Medien begannen, von „Sklavenmarkt“ zu sprechen. Sicherlich eine extreme Form des „Anvertrauens“, die viele Ähnlichkeiten mit dem beninischen Vidomègon hat.

Die saisonale Auswanderung der Kinder ging bis in die Dreißigerjahre weiter.  Immer schon, auch in Südtirol, gab es die Gepflogenheit, Minderjährige anzuvertrauen / in Pflege zu geben. Die Bauersfamilien waren sehr groß und oftmals nicht in der Lage angemessen für die Kinder zu sorgen, vor allem im Falle von Krankheit oder Tod eines Elternteils. In diesem Fall wurden Kinder wohlhabenderen Familien anvertraut. Je nach Situation wurden die Kleinen gut behandelt oder mussten Formen der Ausbeutung und des Missbrauchs erdulden. Mit der Zeit wurde diese Art des Anvertrauens, die spontan entstanden ist, gesetzlich geregelt und als soziale Leistung anerkannt.

Siehe auch: Studi e testimonianze sulla pratica del vidomègon nello Stato del Benin

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